Verkehrsberuhigung in Wohngebieten: Maßnahmen und Erfolgsbeispiele

Verkehrsberuhigung ist ein wichtiger Baustein moderner Stadtplanung. Sie erhöht die Lebensqualität in Wohngebieten, verbessert die Sicherheit und macht den öffentlichen Raum attraktiver. Dieser Artikel zeigt, warum Verkehrsberuhigung so wichtig ist, stellt verschiedene Strategien vor und beleuchtet anhand konkreter Beispiele, wie diese erfolgreich umgesetzt werden.

Ziel der Verkehrsberuhigung ist es, die Lebensqualität in Wohngebieten zu verbessern. Weniger Verkehrslärm, bessere Luft und mehr Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer tragen maßgeblich dazu bei. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei die Reduzierung des Durchgangsverkehrs, der oft Wohngebiete als Abkürzung nutzt.

Weniger Durchgangsverkehr

Ein zentrales Problem vieler Wohngebiete ist der gebietsfremde Durchgangsverkehr. Die Verlagerung dieses Verkehrs auf Hauptstraßen reduziert Lärm und Abgase erheblich. Studien zeigen, dass bereits eine niedrigere Geschwindigkeit den Durchgangsverkehr verringern kann, wie auf forschungsinformationssystem.de nachzulesen ist. Eine umfassende Verkehrsplanung ist jedoch unerlässlich, um eine Verlagerung des Problems in angrenzende Bereiche zu verhindern. Eine Metaanalyse des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) bestätigt, dass Verkehrsberuhigungsmaßnahmen oft zu einer deutlichen Reduzierung des Verkehrsaufkommens führen. Interessanterweise wurde in einigen Fällen sogar das Phänomen der „traffic evaporation“ beobachtet – Verkehr verschwindet durch veränderte Mobilitätsmuster teilweise vollständig.

Vielfältige Maßnahmen

Um den Verkehr in Wohngebieten zu beruhigen, stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Diese reichen von einfachen Geschwindigkeitsbegrenzungen bis hin zu umfassenden baulichen Veränderungen.

Tempo 30

Tempo-30-Zonen sind ein bewährtes Mittel. Sie erhöhen die Sicherheit und reduzieren Lärm- und Abgasemissionen. Ein Beispiel hierfür ist die Diskussion um die Ausweitung einer Tempo-30-Zone in Hamburg-Fuhlsbüttel, wie auf bv-hh.de berichtet wird. Die Polizei Hamburg unterstützt den Vorschlag, betont aber die Notwendigkeit zusätzlicher baulicher Maßnahmen, wie etwa Fahrbahnverengungen, um die Einhaltung langfristig zu gewährleisten. Dies zeigt, dass eine reine Beschilderung oft nicht ausreicht.

Bauliche Veränderungen

Neben Geschwindigkeitsbegrenzungen können bauliche Maßnahmen den Durchgangsverkehr wirksam reduzieren. Dazu gehören die Umwandlung von Straßen in Einbahnstraßen oder Sackgassen sowie Diagonalbarrieren an Kreuzungen. Wichtig ist dabei, die Durchlässigkeit für Radfahrer zu erhalten und die Erreichbarkeit für Anwohner mit dem Auto zu gewährleisten, ohne das Gebiet als Abkürzung attraktiv zu machen.

Acht konkrete Beispiele

Eine Studie auf mdpi.com stellt acht bauliche Maßnahmen vor, die sich in der Praxis bewährt haben:

  • Vorgezogene Gehwege an Kreuzungen
  • Straßensperrungen mit Wendekehren und Minikreiseln
  • U-förmige Wendekehren für schmale Straßen
  • Angehobene Übergänge bei dreieckigen Kreuzungen
  • Mittelinseln auf breiteren Straßen
  • Schikanen (versetzte Fahrbahnverengungen)
  • Fahrbahnschwellen in Kombination mit Zebrastreifen
  • Umlaufsperren an Kreuzungen

Ergänzend dazu gibt es weitere straßenbauliche Möglichkeiten, wie auf stvo2go.de erläutert wird. Dazu zählen:

Weitere Optionen

  • Aufpflasterungen (Anhebungen der Fahrbahn)
  • Schwellen (kurze, schwellenartige Elemente)
  • „Kölner Teller“ (runde Metallplatten mit Noppen, die auf die Straße aufgeklebt werden)
  • Blumenkübel
  • Fahrgassenversätze
  • Fahrbahnverengungen

Straßenverkehrsrechtliche Maßnahmen

Auch straßenverkehrsrechtliche Maßnahmen, wie Einbahnstraßen oder Anliegerstraßen, können den Durchgangsverkehr reduzieren.

Bürgerbeteiligung und neue Konzepte

Erfolgreiche Verkehrsberuhigung erfordert die aktive Beteiligung der Bürger.

Vorbild Wien

In Wien-Liesing zeigt die Bürgerinitiative „Ruhigeres Wohnen“ (wiengestalten.at), wie wichtig das Engagement der Bewohner ist. Die Agenda-Gruppe erarbeitet konkrete Vorschläge zur Reduzierung von Verkehrslärm und -belastung. Dies zeigt, dass bürgerschaftliches Engagement wichtige Impulse geben kann.

Superblocks

Ein innovativer Ansatz sind sogenannte Superblocks. Frankfurt plant, nach dem Vorbild Barcelonas, die Einführung solcher verkehrsberuhigter Quartiere (hessenschau.de). Innerhalb dieser Zonen wird der Durchgangsverkehr unterbunden, wodurch mehr Raum für Fußgänger, Radfahrer, Grünflächen und Begegnungszonen entsteht. Barcelona zeigt, dass Superblocks die Lebensqualität und Luftqualität verbessern und den Lärmpegel senken können.

Mehr Entscheidungsfreiheit für Kommunen

Viele deutsche Städte setzen sich für mehr Entscheidungsfreiheit bei der Verkehrsberuhigung ein. Die Initiative „Lebenswerte Städte durch angemessene Geschwindigkeiten“ (polisnetwork.eu) fordert das Recht, Tempo-30-Zonen und andere Geschwindigkeitsbegrenzungen eigenverantwortlich anordnen zu können. Zu den Kernforderungen gehören:

Ziele der Initiative

  • Förderung umweltfreundlicher Mobilität und Steigerung der Lebensqualität.
  • Tempo 30 als Schlüsselelement nachhaltiger Mobilitätskonzepte.
  • Schaffung gesetzlicher Rahmenbedingungen für eigenverantwortliche Anordnung von Tempo-30-Zonen durch Kommunen.
  • Fördermodell für Forschungsprojekte zur Optimierung der Anwendung.

Das Beispiel Kempen

Das Beispiel Kempen zeigt, wie wichtig die Einbindung der Anwohner ist (rp-online.de). Dort fordern Anwohner und die Grünen Maßnahmen in einem Wohngebiet, in dem die geltende Tempo-30-Regelung oft missachtet wird. Als Vorbild dienen unter anderem Blumenkübel.

Verkehrssicherheit

Verkehrsberuhigte Zonen, die in Deutschland seit 1980 existieren, erhöhen nachweislich die Verkehrssicherheit und verbessern die Aufenthaltsqualität (udv.de). Die Regeln priorisieren Fußgänger und Radfahrer und schreiben Schrittgeschwindigkeit vor. Studien zeigen jedoch, dass die tatsächliche Geschwindigkeit oft höher liegt. Daher sind physische Maßnahmen wie Schikanen empfehlenswert. Unfallstatistiken zeigen, dass gerade ungeschützte Verkehrsteilnehmer weiterhin gefährdet sind, was eine sorgfältige Planung unabdingbar macht.

Das Ziel

Verkehrsberuhigung in Wohngebieten ist ein fortlaufender Prozess. Es geht darum, ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen aller Verkehrsteilnehmer zu finden, den öffentlichen Raum aufzuwerten und die Lebensqualität zu verbessern. Eine Kombination aus baulichen Veränderungen, rechtlichen Regelungen, Bürgerbeteiligung und einer langfristigen Vision ist entscheidend. Die vorgestellten Beispiele zeigen die Vielfalt der Möglichkeiten. Entscheidend ist der Mut, neue Wege zu gehen, von Erfahrungen anderer zu lernen und die Anliegen der Bürger ernst zu nehmen. Nur so werden Wohngebiete zu sicheren und lebenswerten Orten für alle.